Wünschelruten-Report

H. L. König und H.-D. Betz:
Erdstrahlen? Der Wünschelruten-Report
Eigenverlag H. L. König und H.-D. Betz, München, 1989

Bericht über ein großangelegtes, vom Bundesforschungsministerium gefördertes Experiment mit mehreren hundert Rutengängern in München. Diesen auf den ersten Blick überzeugend geschriebenen Bericht würde man vielleicht ernst nehmen, stände er nicht in einer Linie mit Publikationen aus demselben Umfeld, die deutlich vom Okkultismus geprägt sind. Vergleichen Sie zum Beispiel:

H. L. König:
Unsichtbare Umwelt
Eigenverlag H. L. König, München, 5. Auflage 1986

Hans Bender:
Unser sechster Sinn
Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1971

Wir machen zu diesen drei Werken in umgekehrter Reihenfolge ein paar Bemerkungen.

Der Freiburger Parapsychologe Bender ist ein prominenter Vertreter des modernen Aberglaubens. Sein Buch "Unser sechster Sinn" verbreitet unter dem Vorwand, "paranormale" Erscheinungen zu erforschen, kritiklos unglaubliche Berichte über Hellsehen und Spukerscheinungen. Natürlich fehlt es auch nicht an angeblich wissenschaftlichen Beweisen von Gedankenübertragung und Psychokinese. Eine mittelalterliche Hexenprobe, bei der man Hexen daran erkannte, dass sie, gefesselt ins Wasser geworfen, NICHT untergingen, erwähnt Bender ohne weiteren Kommentar im Kapitel "rätselhafte physikalische Bewirkungen". Nahtlos und ohne jede Distanzierung geht es dann weiter zum "Volksglauben", dass sich der Tod ferner Angehöriger durch Zeichen ankündigen kann, und zu zerspringenden Vasen und Tischplatten. "In der Tat spricht manches dafür, dass solche rätselhaften Bewirkungen von Menschen ausgehen, die eine besondere Fähigkeit haben, auf einem physikalisch noch nicht erklärbaren Weg auf materielle Dinge einzuwirken. " Sie haben richtig gelesen: dies schreibt ein deutscher Universitätsprofessor im Jahr 1971. Eine ernsthafte Entgegnung erübrigt sich wohl. Aber zum Vergleich mit dem "Wünschelruten-Report" zitieren wir noch, was Bender über psychokinetische Versuche berichtet, bei denen es darauf ankam, durch Herbeiwünschen einer bestimmten Augenzahl den Fall von Würfeln zu beeinflussen: "Die Versuchspersonen erzielten zwar nur einen leichten mittleren Trefferüberhang, aber dieser Erfolg wurde über eine große Zahl von Versuchen durchgehalten, so daß sich eine hohe 'Antizufallswahrscheinlichkeit' ergab."

H. L. Königs Buch "Unsichtbare Umwelt" beansprucht zwar, auf naturwissenschaftlicher Grundlage zu stehen, entspricht aber im Stil genau dem Benderschen Buch - König ist zweifellos stark von Bender beeinflußt. Berichte aus okkultistischem Umfeld (einschließlich Hartmann und von Pohl) werden als Tatsachen oder allenfalls "noch nicht sicher erwiesen" hingestellt; unzählige Andeutungen und Spekulationen weisen auf geheimnisvolle, der Naturwissenschaft bisher unbekannte Zusammenhänge hin; frühere Versuche von König und Betz mit Rutengängern ergaben natürlich ein positives Ergebnis, das mit 99.9999%iger Sicherheit nicht mehr als Zufall anzusehen ist .(Hier geben wir König ausnahmsweise Recht - durch Zufall kam das Ergebnis sicher nicht zustande). Oft ist der Text auch nur Geschwätz: "Bei derartigen Fällen ist womöglich davon auszugehen, daß gewisse Grenzbereiche erreicht, wenn nicht gar überschritten wurden. Grenzbereiche für Phänomene, die zwar immer noch mittels bestimmter vager physikalischer Theorien mit einem gewissen hypothetischen Background versehen werden können, wo aber sicher die medizinisch-theoretische Seite in dieser Hinsicht völlig überfordert ist... Dies sollte noch lange kein Grund sein, nur deswegen die hier angesprochenen Phänomene ad absurdum zu führen." Als Motto der ganzen Abhandlung zitieren wir noch die Schlussbemerkung: "Die Vielfalt der auf internationaler Basis bekanntgewordenen Untersuchungsergebnisse beweist die biologische Wirksamkeit von elektrischen und magnetischen Feldern und Erscheinungen... Wenn dem gegenüber auch anders lautende Berichte vorliegen, so ändert dies nichts am Grundprinzip dieser Aussage". Aha.

Der "Wünschelrutenreport" unterscheidet sich im Stil wohltuend von der "Unsichtbaren Umwelt" und enthält einige gute Überlegungen, gegen die nichts einzuwenden ist. Glaubwürdig erscheint er uns trotzdem nicht. Er beruht im Wesentlichen auf zwei Arten von Experimenten:

Die sogenannten Laufbrettversuche im Freien dienten erklärtermaßen nur dazu, herauszufinden, ob es reproduzierbare ortsabhängige Reaktionen einzelner Rutengänger gibt, die sich nicht mit den normalen Orientierungsmöglichkeiten (Auge, Ohr, Tastgefühl) erklären lassen. Konkret: findet ein Rutengänger auch mit verbundenen Augen die Stelle wieder, wo er m vorhergehenden Versuch eine Reaktion hatte? Bei einem kleinen Teil der Rutengänger war das nach dem Bericht der Fall. Übereinstimmung mit anderen Rutengängern oder mit physikalisch greifbaren Phänomenen, z.B. einer lokalen Magnetfeldstörung, war nicht verlangt und kam offenbar nur zufällig vor. Die Reaktionen der verschiedenen Rutengänger verteilten sich, wie in allen früheren derartigen Experimenten, nach den Gesetzen des Zufalls über die Teststrecke. Die Autoren erklären dies damit, dass die Rutengänger eben auf verschiedene Reize reagieren.

Bei den Röhrenversuchen in Gebäuden waren wasserdurchströmte Röhren im darunterliegenden Stockwerk zu orten, die zwischen den Begehungen zufallsgesteuert verschoben wurden. Wenn man dem Bericht glauben darf, sind dies echte Doppelblindversuche gewesen. Einzelne Rutengänger erbrachten dennoch angeblich mehr Treffer, als vernünftigerweise mit Zufall zu erklären ist. Jedoch war die Trefferrate nie so hoch, dass von einer zuverlässigen Reaktion gesprochen werden könnte.

Das Ergebnis der Untersuchungen kann leicht missverstanden werden, und es überrascht nicht, dass sich Befürworter und Gegner der Rutengängerei gleichermaßen bestätigt sehen. Zitate:
S. 22 unten: "Wir halten es ... für absolut unergiebig, ausschließlich die von den Rutengängern sich allgemein selbst zugeschriebenen Leistungen im wörtlichen Sinn zu prüfen, da jeder halbwegs Informierte weiß, daß es diese Leistungen in der Regel nicht gibt."
S. 134: "Insgesamt zeigt die Analyse der Testergebnisse, dass die Existenz des Phänomens rutengängerischer Ortserkennung im statistischen Sinn mit hoher Signifikanz nachgewiesen werden konnte."
S. 134: "Die durchschnittliche Trefferwahrscheinlichkeit in Einzelexperimenten muß als gering eingestuft werden."
Letzte Umschlagseite: "Streng wissenschaftliche Experimente mit Rutengängern zeigten, daß deren bisher umstrittene Fähigkeit mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit real ist."

Gemeint ist folgendes: König und Betz unterscheiden zwischen Trefferwahrscheinlichkeit und Irrtumswahrscheinlichkeit. Die Trefferwahrscheinlichkeit der Rutengänger ist gering; gewöhnliche Rutengänger bringen nur Zufallstreffer und auch die besten treffen meistens daneben. Die Irrtumswahrscheinlichkeit bezieht sich auf die Behauptung, dass einzelne Rutengänger mehr Treffer bringen, als dem Zufall entspricht. Diese Irrtumswahrscheinlichkeit ist laut König und Betz ebenfalls sehr gering. Etwas direkter ausgedrückt: die Trefferquote ausgewählter Rutengänger lässt sich, obwohl in jedem Fall gering, nicht mit dem Zufall allein erklären.

Professor Bender lässt grüßen (siehe oben). Vergleichen Sie auch die unten zitierten "symptoms of pathological science".

Die angeblich überzufällige Treffsicherheit der wenigen im Versuch erfolgreichen Rutengänger (wenn sie denn vorhanden wäre) nützt demjenigen, der nur gelegentlich einen Rutengänger bemüht, nichts, denn erstens hat er es aller Wahrscheinlichkeit nach eben nicht mit einem fähigen Rutengänger zu tun, und zweitens würde sich dessen Treffsicherheit erst in langen Versuchsreihen statistisch bemerkbar machen - er würde vielleicht nur siebzigmal falsch raten anstatt hundertmal, bevor er einmal das Richtige trifft. Wohlgemerkt: bei der ganzen Untersuchung wurde die Frage, worauf Rutengänger eigentlich ansprechen, bewusst ausgeklammert, und gesundheitliche Wirkungen eventueller "Reizzonen" waren ohnehin kein Thema. Pohl und Hartmann werden im Wünschelrutenreport nicht erwähnt. Das heute weitgehend geobiologisch orientierte Rutengängergewerbe sollte sich auf diesen Bericht lieber nicht berufen.

Es bleibt die Frage, ob durch die Versuche von König und Betz die umstrittene Fähigkeit der Rutengänger als real (wenn auch praktisch nutzlos) nachgewiesen wurde. Die Frage muss auf zwei Ebenen geprüft werden:

  1. Ist der Bericht glaubwürdig, d. h. auch: sind seine Autoren glaubwürdig?
  2. Wenn ja, welche Folgerungen sind aus ihm zu ziehen?
Was wir von der wissenschaftlichen Sorgfalt des ersten Autors halten, brauchen wir nicht weiter auszuführen. Wir müssen daher schon bei der ersten Frage Zweifel anmelden. Für den Fall, dass Sie unsere Ansicht nicht teilen und den Wünschelrutenreport für glaubwürdig halten, möchten wir Sie auf einige Gesichtspunkte hinweisen, die der Sichtweise von König und Betz widersprechen. Man müsste dann schon an Erscheinungen glauben, die nicht in die Zuständigkeit der Naturwissenschaften fallen. König und Betz würden dazu wohl sagen, dass diese Argumente belanglos sind, weil die Rutengänger sowieso nicht wissen, was sie tun. Aber auch sie liefern uns einige Argumente, die gegen ihre eigene naturwissenschaftliche Interpretation sprechen. Der Wünschelrutenreport zeigt erneut, dass die den Rutengängern zugeschriebenen Fähigkeiten bei 99 von 100 Rutengängern nur in der Phantasie existieren und dass diese in Wirklichkeit nur Zufallstreffer erzielen. Von etwa jedem hundertsten Rutengänger meldet der Report Ergebnisse, die, wenn sie echt sind, kaum als Zufall abgetan werden können. Als einzige Alternative zum Zufall wird eine (naturwissenschaftlich unverständliche) Strahlenfühligkeit einzelner Rutengänger diskutiert. Leider sind einige Kritiker des Reports auf diese unvollständige Alternative eingegangen und haben versucht nachzuweisen, dass die positiven Resultate doch zufällig seien. Wir sehen die Erklärung woanders.

Die im Report enthaltenen Beobachtungen passen überhaupt nicht zu einem natürlichen Vorgang und Übernatürliches wollen wir auch nicht in Betracht ziehen. Da bleibt uns nur übrig zu vermuten, dass die Erfolgsquote des letzten Prozents der Rutengänger nicht so zustandegekommen ist, wie es der Bericht glauben macht. Entweder haben sich die Experimentatoren trotz aller Vorsichtsmaßnahmen von einigen Rutengängern über den Tisch ziehen lassen, oder sie sind der Versuchung erlegen, das sich abzeichnende katastrophale Ergebnis wenigstens in Einzelfällen in die gewünschte Richtung umzubiegen. Wir können das nicht beweisen, aber die Nähe der Autoren zu okkultistischen Kreisen (Parapsychologie, sog. Erfahrungsheilkunde, sog. Geobiologie) macht dies sehr viel wahrscheinlicher als das Auftreten eines bisher unbekannten natürlichen Phänomens oder eines extremen Zufalls. Wer nicht glauben will, dass die genannten Scheinwissenschaften in Wahrheit moderne Formen des Okkultismus sind, der lese bei Prokop und Wimmer nach!


Für diejenigen, die Englisch verstehen, drucken wir hier noch die "Symptoms of Pathological Science" aus einem Artikel von Irving Langmuir und Robert N. Hall in PHYSICS TODAY vom Oktober 1989 im Wortlaut ab:


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Verantwortlich für den Inhalt: Prof. Dr. E. Wielandt