Aus den „Wechselwirkungen“ 1996 (Jahrbuch
aus Lehre und Forschung der Universität Stuttgart)
Seismographen
Von Erhard Wielandt
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Im Heubachtal
bei Schiltach im Schwarzwald, in einem alten Silberbergwerk 150 Meter unter
Tage, stehen einige der empfindlichsten Seismographen Deutschlands. Wer
allerdings meint, er könne dort feinmechanische Wunderwerke mit Dutzenden von
Hebeln, Zahnrädern, Walzen und Federn besichtigen, wird enttäuscht. Erstens
nämlich gibt es keine Besichtigungen - selbst die vier vor Ort arbeitenden
Wissenschaftler und Techniker betreten die Seismometerkammer nur dann, wenn es
unbedingt nötig ist, und das ist glücklicherweise selten. Zweitens würde der
Besucher, selbst wenn er die Kammer betreten darf, nichts sehen als einige
Styroporkisten und silbern glänzende Isolierfolien, die die Geräte vor den im
Bergwerk ohnehin minimalen Temperaturschwankungen schützen. Drittens
schließlich - nehmen wir an, ein Seismograph würde gerade neu aufgestellt und
wäre daher unverhüllt zu sehen - stände dort auf einem kleinen Zementsockel
lediglich ein geschlossener Metallzylinder, etwa so groß wie eine kleine
Propangasflasche. In seinem Inneren, noch durch mehrfache weitere Abschirmungen
geschützt, verbirgt sich der eigentliche Sensor: ein in einer Richtung frei
beweglicher Messingklotz von einigen hundert Gramm Gewicht, die sogenannte
seismische Masse. Ihre einzige Aufgabe ist es, ruhig zu bleiben, wenn um sie
herum die Erde zittert. Ihre Lage wird elektronisch gemessen, aber ganz ohne
Feinmechanik kommt auch ein moderner Seismograph nicht aus: es ist gar nicht so
einfach, eine Masse „frei beweglich“ im Schwerefeld der Erde aufzuhängen!
Bevor wir uns nun einzelne
historische und moderne Seismographen näher ansehen, wollen wir versuchen, die
grundsätzliche Funktionsweise zu verstehen und die technischen Anforderungen an
die wesentlichen Konstruktionselemente zu umreißen. Wir denken dabei vor allem
an die hochempfindlichen Seismographen, die in der Erdbebenforschung und auch
zur Überwachung von Kernwaffentests eingesetzt werden. Natürlich gibt es eine
große Zahl einfacherer seismischer Aufnehmer für praktische Anwendungen, für
deren Konstruktion andere Gesichtspunkte maßgeblich sind.
Vorweg ein Wort zum Sprachgebrauch:
die Aufnehmereinheit, die die Bodenbewegung in ein elektrisches Signal umsetzt,
bezeichnet man als Seismometer. Das Signal zeichnet man, um das Seismometer
nicht zu stören, gewöhnlich in einem anderen Raum auf Papier oder einen
digitalen Datenträger auf. Seismometer und Registriereinheit zusammen bilden
einen Seismographen. Bei älteren Seismographen ist die Unterscheidung aber
nicht so klar möglich, weil beide Geräte oft eine untrennbare Einheit bilden.
Seismographen gelten seit ihrer
Erfindung als extrem empfindliche Messgeräte. Dasselbe kann man zwar heutzutage
in irgendeinem Sinn von fast jedem wissenschaftlichen Gerät sagen. Die
Faszination, die von einem Seismographen ausgeht, liegt aber noch in etwas
anderem: er zeichnet nicht irgendeine abstrakte physikalische Größe auf, unter
der sich der Laie nichts vorstellen kann, sondern ein sehr elementares,
fühlbares, beunruhigendes Ereignis - eine Erschütterung des Bodens, auf dessen
Festigkeit wir bei jedem Schritt vertrauen müssen.
An einem ruhigen Standort, etwa in
einer Höhle oder einem Bergwerk abseits der großen Verkehrsadern, spricht ein
Seismograph nicht nur auf Erdbeben aus seiner näheren Umgebung an, sondern
meldet alle Beben aus der ganzen Welt, die stark genug sind, um ernsthafte
Schäden zu verursachen. Daneben registriert er die ständig vorhandene
Bodenbewegung, die von den Wellen der Weltmeere herrührt, Gezeitenkräfte, die
in halbtägigem Rhythmus die feste Erde deformieren, und die verschiedensten
zivilisationsbedingten Signale: etwa Schwingungen großer Maschinen in einigen
100 km Umkreis, Steinbruchsprengungen und gelegentlich auch die
Explosionswellen eines Kernwaffentests.
Für die globale Seismologie
interessant sind Bodenbewegungen mit Frequenzen, die sich an das untere Ende
des menschlichen Hörbereichs anschließen: von etwa 10 Hertz bis herab zu 0.3
Millihertz, also etwa einer Schwingung pro Stunde. Noch langsamere Schwingungen
haben nichts mit Erdbeben zu tun; schnellere werden zwar von Erdbeben angeregt,
aber vom Gestein absorbiert, bevor sie den Erdkörper durchquert haben. Näher am
Herd, bis zu einigen zehn Kilometern Abstand, können die Schwingungen des
Bodens auch hörbar sein und unmittelbar am Herd bis in den Ultraschallbereich
gehen. Als obere Grenzfrequenz einer seismographischen Registrierung sind heute
30 bis 50 Hertz üblich. Allein unterhalb des Hörbereichs ist das Spektrum der
seismischen Signale schon wesentlich breiter als der Tonumfang unseres Gehörs
(15 gegenüber 10 Oktaven).
Technisch gesehen liegt ziemlich
genau fest, wie empfindlich ein Seismograph sein kann. Der Erdboden ist nämlich
nie ganz ruhig, er führt immer eine schwache Zitterbewegung aus. Signale, die
schwächer als dieses seismische Hintergrundrauschen sind, kann auch ein noch so
guter Seismograph nicht nachweisen. Die Verhältnisse sind allerdings etwas
komplizierter, als wir hier darstellen können: das seismische Rauschen hat bei
verschiedenen Frequenzen eine sehr unterschiedliche Stärke und es stören immer
nur die Anteile, die gleich schnell schwingen wie das Nutzsignal. Jedenfalls genügt
es, wenn ein Seismograph bei allen interessierenden Frequenzen das seismische
Rauschen auflöst, das heißt mit einer gewissen minimalen Genauigkeit
registriert. Es gibt allerdings noch keinen Seismographen, der dieser Forderung
vollständig gerecht wird.
Im wesentlichen sind es drei
Konstruktionsmerkmale, die über die Empfindlichkeit einen Seismographen
entscheiden. Zunächst einmal muss er überhaupt in der Lage sein, kleine
Verschiebungen der seismischen Masse zu messen, er muss eine ausreichende
Wegauflösung haben. Das genügt aber noch nicht. Er muss auch zulassen, dass
sich beim Eintreffen eines seismischen Signals die Masse merkbar verschiebt.
Sie darf nur lose an ihre Ruhelage gebunden sein, sonst folgt sie der
Bodenbewegung und das Messsignal verschwindet. Ganz ohne Bindung geht es
allerdings auch nicht, sonst macht sich die seismische Masse selbständig.
Drittens muss die Masse äußerst sorgfältig vor Störeinflüssen geschützt werden.
Dem dienen unter anderem die Abschirmungen, die wir oben erwähnt haben.
Die seismische Bodenunruhe setzt
sich aus vielen teils natürlichen, teils zivilisationsbedingten Signalen
zusammen. Von den natürlichen das auffälligste ist die sogenannte Meeres-
Mikroseismik, die von den Meereswellen verursacht wird (Abb.1) und sich über
alle Kontinente ausbreitet. Sie liegt mit einer Schwingungsperiode von
typischerweise sechs Sekunden mitten im seismischen Frequenzband und kann je
nach Wetterlage Amplituden (Schwingungsweiten) bis zu einem hundertstel Millimeter
haben. Man könnte sie auch in Stuttgart mit einem Mikroskop sehen, wenn sich
dieses nicht mitbewegen würde. Die Meeresmikroseismik ist so stark und
allgegenwärtig, dass sie dem Seismologen als kostenloses Testsignal dient: ein
Seismograph, der sie nicht zeigt, ist vermutlich defekt.

Abb.1:
Eine Aufzeichnung der Meeresmikroseismik durch den russischen Seismologen
Galitzin aus dem Jahr 1910. Die kurzen Unterbrechungen in den geraden Linien
sind Minutenmarken.
Bei kürzeren und längeren
Schwingungsperioden ist die natürliche Bodenunruhe sehr viel kleiner und nicht
so leicht nachweisbar. An den meisten Standorten in Mitteleuropa ist sie
außerdem von technischen Erschütterungen überdeckt (Industrie, Verkehr,
Baustellen). Aber da man sich für Seismographen die ruhigsten Standorte
aussucht, muss man sich bei ihrer Konstruktion an der minimalen Bodenunruhe
orientieren. Erstaunlicherweise findet man an günstigen Standorten weltweit
annähernd den gleichen Unruhepegel (Abb.2). Bei dreißig Hertz liegt er, als Verschiebung
gemessen, bei einem Milliardstel Millimeter, also etwa einem hundertstel
Atomdurchmesser! So empfindlich muss dann auch der Verschiebungsmesser im
Seismometer sein. (Die Angaben gelten jeweils für eine Frequenzbandbreite von
einer Oktave.) Am anderen Ende des seismischen Spektrums, bei Schwingungsdauern
von einigen hundert Sekunden, bewegt sich der Boden um den zehntausendsten Teil
eines Millimeters. Das scheint vergleichsweise viel zu sein, ist aber in
Wirklichkeit noch schwieriger zu messen. Denn die Messung beruht ja auf den
Trägheitskräften der seismischen Masse, und die betragen bei den langsamen
Schwingungen, von denen hier die Rede ist, nur einige Billionstel der normalen
Schwerkraft. Es ist nicht leicht, alle Störkräfte so weit zu unterdrücken.

Abb.2:
Das Low Noise Model, eine vereinfachte Darstellung der kleinsten beobachteten
vertikalen Bodenunruhe in Abhängigkeit von der Schwingungsperiode. Diese
Darstellung zeigt die effektive Bodenbeschleunigung in jeweils einer Oktave,
ausgedrückt als Bruchteil der Fallbeschleunigung. Das durch die
Meeresmikroseismik verursachte Maximum bei 6 s ist normalerweise zehn- und
gelegentlich hundertmal höher.
Das Gerät, das wir anfangs erwähnt
haben, ist ein Inertialseismograph (Trägheitsseismograph). Nur über die
Massenträgheit lässt sich definieren, was die Begriffe „Ruhe“ und „Bewegung“
während eines Erdbebens bedeuten. Stellen wir uns einen Eisenbahnwagen vor, der
auf einer horizontalen Schiene reibungslos rollen kann, aber zunächst ruhig
steht. Plötzlich beginnt sich der Boden in der Richtung der Schiene hin und her
zu bewegen. Der Wagen wird die Bodenbewegung nicht mitmachen, also in Ruhe
bleiben; seine Räder werden sich aber drehen und einem auf dem Boden stehenden
Zuschauer käme es so vor, als ob der Wagen rollt. Beim Seismometer gelten
dieselben Überlegungen: wir messen eine Bewegung der seismischen Masse gegen
das bodenfeste Gestell, wissen aber, dass sich in Wirklichkeit der Boden in
entgegengesetzter Richtung bewegt haben muss.
Es gibt noch eine grundsätzlich andere Möglichkeit, Erdbebenwellen zu beobachten, und zwar über die von ihnen erzeugten Deformationen. Eine Erdbebebenwelle erschüttert den Untergrund nicht wie einen starren Körper, sondern sie deformiert ihn. Zwar bewegen sich beim Durchgang der Welle benachbarte Teile des Bodens in annähernd gleicher Weise, aber nicht gleichzeitig (bei Wasserwellen ist dies jedermann geläufig). Dadurch ändert sich der Abstand zwischen zwei zum Beispiel fest im Fels verankerten Bolzen, und indem man deren Abstand fortlaufend misst, kann man ebenfalls Erdbebenwellen nachweisen. Im Tiefbau werden ähnliche Geräte unter der Bezeichnung Extensometer ingenieurmäßig eingesetzt, um Kriechvorgänge zu erfassen. In der Seismologie heißen sie Strainseismographen, nach dem englischen Wort für Dehnung. Nur bei ganz speziellen Messaufgaben erreichen sie eine mit Inertialseismographen vergleichbare Empfindlichkeit. Im folgenden soll nur noch von Inertialseismographen die Rede sein.
Fast das Wichtigste an einem
Seismogramm ist die genaue Zeit. Die einzigen Ablesungen, die sich auch ohne
Computerhilfe auswerten lassen, sind die Ankunftszeiten und die
Maximalausschläge der verschiedenen Wellenarten. Zum Beispiel lässt sich die
Lage eines Erdbebenherdes aus den unterschiedlichen Einsatzzeiten des Signals
an drei oder vier Stationen bestimmen; aus dem Maximalausschlag und der vorher
bestimmten Entfernung berechnet man die nach dem Seismologen Richter benannte
Nahbeben-Magnitude. Um die Zeit genau ablesen zu können, blendet man in
Sichtregistrierungen zu jeder vollen Minute einen kurzen Nadelausschlag ein;
die Sekunden und Zehntelsekunden müssen dann mit einem Maßstab interpoliert
werden.
Die genaue Zeit ist heute überall
auf der Welt per Langwellensender auf die Hundertstelsekunde oder per Satellit
auf die Mikrosekunde genau zu empfangen. Früher gehörte zu jedem Observatorium
eine Pendeluhr, die einmal am Tag mit dem Telefon- oder Radiozeitzeichen
verglichen wurde. In der ehemaligen Erdbebenwarte Stuttgart-Hohenheim konnte
man schon 1912 Zeitzeichen vom Eiffelturm oder Norddeich-Radio empfangen. Im
jetzigen Institut für Geophysik haben wir eine Riefler- Pendeluhr aus dem Jahr
1938 mit einem Pendel aus Invar (einer temperaturunempfindlichen Nickel- Eisen-
Legierung) und einer Kompensation für den luftdruckabhängigen Auftrieb der
Pendelmasse. Sie geht noch heute auf eine Zehntelsekunde am Tag genau. Die
Seismographen sind allerdings schon seit dreißig Jahren an funkgesteuerte
Quarzuhren angeschlossen.
Die Bewegungsmöglichkeiten der
seismischen Masse werden, wie im Beispiel des Eisenbahnwagens, meist von
vorneherein auf eine einzige Bewegungslinie eingeschränkt. Die reibungsfreie
Führung einer Masse auf einer geraden Linie ist jedoch vergleichsweise
schwierig. Einfacher ist es, die Masse auf einem Kreisbogen zu führen, dessen
Achse durch zwei Kreuzbandgelenke festlegt ist. Es gibt aber auch Seismometer,
in denen sich die Masse in allen Richtungen bewegen kann.
In der Messrichtung sollte die Masse
möglichst leicht, im Idealfall ohne mechanische Rückstellkraft, beweglich sein,
damit man genügend große Ausschläge bekommt. Andererseits darf man aber die
Rückstellkraft nicht beliebig verkleinern: sie muss jedem seismischen Signal
und jeder möglichen Störung die Waage halten können, sonst wandert die
seismische Masse aus dem Messbereich heraus. Die Kraft muss außerdem genau
bekannt und zeitlich stabil sein, sonst hat man allenfalls einen Detektor, aber
kein Messinstrument. Hier liegt eine ernste Schwierigkeit: je kleiner man die
Kraft macht, also je empfindlicher das Seismometer, desto weniger gut
beherrscht man dessen Übertragungseigenschaften. Beide Ziele zu vereinen schien
lange Zeit unmöglich. Moderne Seismometer entziehen sich diesem Dilemma
dadurch, dass sie die Rückstellkraft elektronisch anstatt mechanisch erzeugen.
Wir werden das später in einem besonderen Abschnitt besprechen.

Abb.3:
Ein Horizontalpendel vom Gartentür- Typ. Abb.4: Langperiodisches Vertikalpendel nach
LaCoste (1934).
Bei Horizontalseismometern ist es
relativ einfach, die mechanische Rückstellkraft klein zu halten: man muss die
Masse nur exzentrisch an einer fast senkrechten Drehachse befestigen, sodass
sie sich in einer horizontalen Ebene bewegt (Abb.3). Für Vertikalseismometer
muss man sich etwas mehr einfallen lassen, weil man bei ihnen die Schwerkraft
ausgleichen muss. Die eleganteste Lösung fand der amerikanische Physiker
LaCoste im Jahr 1934. Er konstruierte ein Federpendel, dessen Masse von einer
auf die Ruhelänge Null vorgespannten Feder in jeder Lage theoretisch exakt im
Gleichgewicht gehalten wird (Abb.4). Zahlreiche Seismometer und Gravimeter
(Messgeräte für die Schwerkraft) sind nach diesem Prinzip gebaut worden.
Übrigens haben Garagen- Kipptore einen vergleichbaren Mechanismus: in jeder
Stellung trägt eine Feder den größten Teil des Gewichts. In modernen
Seismometern verwendet man oft eine einfachere Aufhängung nach Abb.5 mit einer
gebogenen Blattfeder, die sich in einem beschränkten Winkelbereich ähnlich
verhält wie LaCostes Konstruktion.
Je nach der Größe der
Rückstellkraft (und damit der mechanischen Schwingungsperiode der Masse)
unterscheidet man zwischen kurzperiodischen und langperiodischen Seismometern.
Die längsten Schwingungsperioden, die sich rein mechanisch realisieren ließen,
lagen bei einer halben Minute. Ein einfaches Federpendel oder Fadenpendel mit
dieser Periode müsste 225 Meter lang sein. Mit elektronisch gesteuerter
Rückstellkraft erreicht man heute Schwingungsperioden bis zu sechs Minuten,
entsprechend einem Pendel von 32 km Länge. Die Messempfindlichkeit wird aber
nach wie vor durch die mechanische Aufhängung bestimmt; ein empfindliches
Seismometer zu bauen ist immer noch in erster Linie ein feinmechanisches
Problem.

Abb.5: Langperiodisches Blattfederpendel
(1976).
Verschiebungen der seismischen
Masse um hundertstel Atomdurchmesser zu messen erscheint phantastisch
(besonders wenn man sich die Rauheit ihrer Oberfläche in diesem Maßstab
vergegenwärtigt). Doch gibt es kein Naturgesetz, das einen daran hindern würde,
an einem genügend massiven Körper so kleine Verschiebungen zu messen. Zum
Beispiel kann man mit Laser- Interferometern noch um einige Zehnerpotenzen
genauer messen, als es hier nötig ist. Für Seismometer kommt dies aber wegen
des technischen Aufwands normalerweise nicht in Frage.
Am bequemsten weist man die
Bewegung der seismischen Masse mit einem elektrodynamischen Wandler nach, wie
er auch in Mikrofonen und Lautsprechern verwendet wird. An der Masse wird eine
Kupferdrahtspule befestigt, die sich zwischen den Polen eines ortsfesten
Magneten befindet; oft besteht die Masse auch nur aus der Spule. Sobald sich
diese bewegt, wird im Draht eine elektrische Spannung induziert. Sie kann dann
elektronisch verstärkt und registriert werden. Nach diesem Prinzip arbeiten
heute nur noch kurzperiodische Seismometer und die sogenannten Geophone
(Abb.6), die in der Explorationsseismik zu Hunderten gleichzeitig eingesetzt
werden. Im langperiodischen Bereich wird das Ausgangssignal der
elektrodynamischen Wandler so schwach, dass man die gewünschte
Messempfindlichkeit nicht ganz erreicht.

Abb.6:
Ein Geophon, der einfachste und preiswerteste Sensor für Bodenerschütterungen.
Es besteht im wesentlichen aus einem Permanentmagneten und einer Spule, die
zwischen Membranfedern aufgehängt ist.
Will man auch langsame
Bodenbewegungen messen, so ist es günstiger, anstelle eines
Geschwindigkeitsmessers einen Wegmesser zu verwenden. Von den verschiedenen
möglichen Methoden hat sich die differentielle kapazitive Abstandsmessung am
meisten bewährt. Im Prinzip vergleicht man dabei durch eine elektrische Messung
die Größe der beiden Luftspalte zwischen drei kleinen Metallplatten, von denen
die mittlere beweglich ist. Verschiebungen der mittleren Platte um ein
Milliardstel des Abstands kann man noch nachweisen (das entspricht etwa der
Breite eines Haares im Vergleich zum Ärmelkanal). Bei einem Plattenabstand von
einigen zehntel Millimetern reicht das gerade aus, um an sehr ruhigen Stationen
die kurzperiodische Bodenunruhe aufzulösen.
Temperatur, Luftdruck,
Magnetfelder, Luftbewegungen im Gehäuse, jede Art von Strahlung - sie alle
können auf die seismische Masse und ihre Aufhängung einwirken und Störsignale
erzeugen. Einige Zahlenbeispiele: Die Federkraft einer normalen Feder ändert
sich um 0.03% pro Grad Temperaturänderung, spezielle Legierungen sind konstant
auf 0.001%; in einem Vertikalseismometer sollte sich aber die Federkraft, wenn
wir etwa eine periodische Änderung alle fünf Minuten annehmen, höchstens um
0.000 000 001% ändern, also um sechs Größenordnungen weniger. Es wäre
hoffnungslos, eine absolute Temperaturkonstanz von einem Millionstel Grad
anzustreben, aber hier zählen nur periodische Änderungen, und die kann man
durch Isolation tatsächlich so klein halten.
Beispiel Luftdruck: er ändert sich
ständig innerhalb von Minuten um einige Pascal. Das ändert den Auftrieb der
seismischen Masse um 0.000 001% ihres Gewichts, drei Größenordnungen zuviel für
ein empfindliches Vertikalseismometer. Ein druckdichtes und womöglich noch
evakuiertes Gehäuse schafft Abhilfe, aber wenn es nicht gut konstruiert ist,
reagiert es auf Luftdruckänderungen mit Deformationen und erzeugt mehr Störsignale
als vorher der Auftrieb.
Schließlich sei noch ein zwar
winziges, aber unvermeidbares Störsignal erwähnt: die Brownsche Wärmebewegung
der seismischen Masse. Sie wird hauptsächlich vom Aufprall der Luftmoleküle
verursacht. Im thermischen Gleichgewicht, bei Abwesenheit jedes seismischen
Signals, hat die seismische Masse im Mittel dieselbe kinetische Energie wie ein
Luftmolekül, nämlich E = kT/2 in jeder Bewegungsrichtung (dabei ist k die
Boltzmann-Konstante und T die Temperatur über dem absoluten Nullpunkt). Die
Bewegungsamplituden sind bei großen Massen unmerkbar klein, aber schon bei
Massen um 100 g messbar. Wenn ein kleines Seismometer höchste Empfindlichkeit
erreichen soll, muss man es evakuieren. Dadurch verschwindet zwar die
Wärmebewegung nicht, aber sie konzentriert sich auf die mechanische
Resonanzfrequenz der Aufhängung, wo sie nicht stört.
Wie die seismischen Signale
schließlich zu Papier gebracht werden, scheint auf den ersten Blick Nebensache
zu sein. Tatsächlich war aber seit der Erfindung des Seismographen vor 120
Jahren die Aufzeichnung der Signale dasjenige technische Problem, das den
Fortschritt am meisten behindert hat und immer wieder zu unangenehmen
Kompromissen zwang. Die seismischen Signale sind so, wie die Erde sie uns
anbietet, für eine Darstellung auf Papier einfach nicht geeignet.
Wir haben schon erwähnt, dass in
verschiedenen Bereichen des seismischen Frequenzbands Signale mit sehr
unterschiedlicher Stärke auftreten können. Die Meeresmikroseismik kann zum
Beispiel tausendmal stärker sein als ein Erdbebensignal, das man auswerten
möchte. Im Prinzip ist das kein Hindernis, wenn sich die Signale in ihrem
Frequenzgehalt genügend unterscheiden; man kann sie dann mit Frequenzfiltern
trennen (Abb.7). Sind die Signale aber erst einmal in sichtbarer Form
registriert, ist es zu spät. Das Auge kann die verschiedenen Beiträge nicht im
nötigen Maß auseinanderhalten.

Abb.7,
obere Spur: Meeresmikroseismik, durch den gegenüber Abb.1 etwa zehnfach
komprimierten Zeitmaßstab sind die Wellen nicht mehr einzeln erkennbar. Untere
Spur: Ein in der Registrierung verborgenes Erdbebensignal wird sichtbar, wenn
die Mikroseismik durch ein Filter unterdrückt und das Signal nachverstärkt
wird.
Für die klassischen Seismographen
mit direkter Sichtregistrierung bedeutete das ein fast unlösbares Problem. Sie
mussten, um eine einigermaßen lesbare Aufzeichnung zu liefern, so abgestimmt
werden, dass sie nur einen in Frequenz und Amplitude eng begrenzten Bereich von
Signalen verarbeiten konnten. Der genaue zeitliche Verlauf der Bodenbewegung,
wie man ihn etwa für eine Untersuchung des Bruchvorgangs in einem Erdbebenherd
kennen muss, war aus den Seismogrammen nur mühsam und ungenau zu
rekonstruieren. Verständlicherweise wurden die meisten Seismographen auf hohe
Empfindlichkeit getrimmt; auf stärkere Beben im Nahbereich waren die wenigsten
Observatorien gut vorbereitet. Die ehemals im Staatsministerium untergebrachte
Erdbebenwarte des Württembergischen Erdbebendienstes gehörte zu den löblichen Ausnahmen.
Es erfordert einiges Durchhaltevermögen, einen Seismographen auf Dauer mit so
geringer Vergrößerung zu betreiben, dass in seinen Registrierungen vielleicht
einmal in zehn oder zwanzig Jahren etwas zu sehen ist.
Auch die schon seit den sechziger
Jahren mögliche Magnetbandaufzeichnung, sei es in analoger oder digitaler Form,
war lange Zeit nicht viel besser als eine Papierregistrierung. In Deutschland
gelang 1976 mit dem Aufbau des Seismologischen Zentralobservatoriums in
Erlangen unter Ausnutzung der damals fortschrittlichsten Digitaltechnik ein
Durchbruch. Erstmals konnten Signale über einen relativ großen Ausschnitt des
seismischen Frequenzbands gemeinsam aufgezeichnet und nachträglich wieder
problemlos getrennt werden. Damals musste die junge Digitaltechnik noch
beweisen, dass sie ebenso gute Seismogramme lieferte wie die besten
Papierregistrierungen. Heute werden Papierregistrierungen kaum noch
ausgewertet; man lässt sie nebenher mitlaufen, um Störungen zu erkennen und
damit man Besuchern etwas zeigen kann.
Ganz befriedigend gelöst wurde das Problem
der seismischen Registrierung erst vor zehn Jahren. Damals wurden speziell für
die Bedürfnisse der Seismologie Analog- Digital- Wandler mit 24 bit Auflösung
entwickelt. Sie können noch Signale auflösen, die von millionenfach stärkeren
(bei einer anderen Frequenz) überdeckt sind. Damit kann man nun ganz
unproblematisch ohne Vorfilterung und ohne automatische Verstärkungsanpassung
die seismischen Signale so registrieren, wie sie aus der Erde kommen. Natürlich
muss auch das Seismometer dieser Aufgabe gewachsen sein; wir werden die
Funktionsweise moderner Breitbandseismometer noch erklären.
Ein einziger solcher Breitbandseismograph genügt, um nahezu alle seismischen Signale zu erfassen, die überhaupt verwertbar sind, auch stark fühlbare Erschütterungen. Nur für Signale in einer Stärke, die Schäden verursacht, braucht man noch spezielle Seismographen. Bei der Auswertung holt jetzt der Computer nach, was früher der Seismograph leisten musste: er extrahiert aus dem Signalgemisch die interessierenden Anteile und stellt sie in einem günstigen Maßstab graphisch dar. Das ist so, als könnte sich jeder Seismologe noch nachträglich nach Belieben aussuchen, wie er den Seismographen vor jedem einzelnen Erdbeben gerne eingestellt hätte. Erdbebenregistrierung ist dadurch nicht nur einfacher und genauer, sondern auch sehr viel wirtschaftlicher geworden.
Das erste bekannte Instrument zum
Nachweis von Erdbeben ist der in eine große Vase eingebaute Erdbebenanzeiger
des Chinesen Chang Heng aus dem Jahr 132 n. Chr. (Abb.8). Bei einem Beben
sollte eine der acht in Drachenmäulern gehaltenen Kugeln herabfallen und dem
Erfinder die Richtung des Stoßes anzeigen. In Europa waren Erdbebenanzeiger
oder Seismoskope seit dem frühen 18. Jahrhundert in Gebrauch. Sie trugen
allerdings wenig zur Aufklärung des Phänomens Erdbeben bei. Als Ursache von
Beben vermutete man damals zumeist unterirdische Explosionen; die Bodenbewegung
müsste dann stoßartig und vom Herd weg gerichtet sein. Die Anzeige der ohnehin
viel zu wenigen und zu verschiedenartigen Seismoskope ergab jedoch nie ein
klares Bild. Nach 1880 zeigten dann die ersten Seismogramme, dass die
Bodenbewegung einen sehr komplizierten zeitlichen Verlauf hatte, mehrmals ihre Richtung
wechselte und ihren größten Ausschlag auch quer zur Ausbreitungsrichtung haben
konnte.

Abb.8:
Der Erdbebenanzeiger des Chinesen Chang Heng, 132 n.Chr. Die Zeichnung ist nach
einer überlieferten Beschreibung angefertigt.
Auch die nach 1856 weit verbreiteten
„elektromagnetischen Seismographen“ des italienischen Erdbeben- und
Vulkanforschers Luigi Palmieri waren Stoßanzeiger. Sie enthielten verschiedene
metallische Pendel, die bei der geringsten Erschütterung einen elektrischen
Stromkreis schlossen. Dadurch wurde über Elektromagnete eine Uhr angehalten,
die dann die Zeit des Bebens anzeigte, und eine Art Morseschreiber wurde
gestartet, der weitere Kontaktschlüsse aufzeichnete (Abb.9 und 10). Die Geräte
waren offenbar recht empfindlich und dienten noch nach der Jahrhundertwende
dazu, die Registriereinrichtung von moderneren Seismographen zu starten.
Palmieris Originalgeräte sind in der Sammlung des Vesuvobservatoriums erhalten.

Abb.9:
Erschütterungsdetektoren des „elektromagnetischen Seismographen“ von Palmieri
(1856). Man erkennt Federpendel, Fadenpendel und quecksilbergefüllte U-Rohre.

Abb.10: Mit diesem Gerät hielt Palmieri
die Zeit des Kontaktschlusses fest.
Als Konstrukteur des ersten
Seismographen im modernen Wortsinn (also eines Geräts, das getreu den
zeitlichen Verlauf der Bodenbewegung aufzeichnet) gilt der Italiener Cecchi.
Sein Gerät wurde 1875 in Betrieb genommen, war aber so unempfindlich, dass es
erst zwölf Jahre später sein erstes Erdbeben registrierte. So fiel die Ehre,
das erste Seismogramm aufgezeichnet zu haben, 1880 an eine Gruppe englischer
Gastwissenschaftler um John Milne in Japan. Da die Empfindlichkeit der
Seismographen durch mechanische Reibung begrenzt war, konnten Beben damals nur
in Herdnähe beobachtet werden. Registriert wurde auf berußte, rotierende
Glasscheiben, später auch auf berußtes Papier und photographisch.
Die erste Registrierung eines
Fernbebens war ein glücklicher Zufall. Ernst von Rebeur-Paschwitz hatte 1889
photographisch registrierende Horizontalpendel an Fernrohrsockeln in Potsdam
und Wilhelmshaven angebracht hatte, um deren Neigung zu überwachen. Eine an
beiden Stationen gleichzeitig aufgetretene „Störung“ fand ihre überraschende
Erklärung, als er in der Zeitschrift „Nature“ einen Bericht über ein schweres
Erdbeben in Japan las. Diese Entdeckung wird heute als die Geburtsstunde der
globalen Seismologie betrachtet. Abb.11 zeigt das wohl berühmteste Seismogramm
der Welt.

Abb.11:
Das erste bekannte Seismogramm eines Fernbebens, 1889 in Potsdam aufgezeichnet.
Im Maximum des Ausschlags war die Lampe zu schwach, um das Photopapier zu
belichten.
In den folgenden zwanzig Jahren
nahm die Seismologie sowohl im theoretischen Verständnis wie auch in der
instrumentellen Ausstattung einen dramatischen Aufschwung. Um 1910 waren im
wesentlichen alle Seismographen entwickelt, die dann mit graduellen
Verbesserungen bis in die zweite Jahrhunderthälfte hinein ihren Dienst versehen
sollten. Erst die Halbleiterelektronik löste wieder eine Erneuerungswelle in
der Instrumentierung aus, deren Ausklingen wir jetzt zu erleben scheinen.
Als früher Vertreter des
mechanischen Seismographentyps sei hier in Abb.12 der Horizontalseismograph
nach Omori-Bosch vorgestellt, der 1905 in der Erdbebenstation Stuttgart-Hohenheim
aufgestellt wurde. Er war vom japanischen Seismologen Omori entwickelt, vom
Straßburger Feinmechaniker Bosch vervollkommnet und in Stuttgart von der Firma
Tesdorpf nachgebaut worden. Man erkennt dicht vor dem dunklen gemauerten Sockel
die seismische Masse von 50 kg in Form eines schlanken vertikalen Zylinders, an
dem nachträglich noch Zusatzmassen angebracht wurden. Die senkrechte Drehachse
ist durch Spanndrähte festgelegt (im Bild nicht sichtbar) und fällt etwa mit
der wandseitigen Mantellinie des Zylinders zusammen. Die Bodenbewegung wird
ohne Hebelübersetzung, allein durch den langen Schaft der Schreibnadel,
dreißig- bis fünfzigfach vergrößert. Links vorne sieht man die von einem
Uhrwerk angetriebene Registriertrommel, auf die ein berußtes Papier aufgespannt
ist. Die helle, rechts neben der Masse hängende Trommel enthält einen Kolben,
dessen Luftwiderstand die Eigenschwingungen des Pendels dämpft. Von diesem
Seismographen gibt es noch einige Originalseismogramme im Archiv des Instituts
für Geophysik (Abb.13).

Abb.12: Der Omori-Bosch-Seismograph der
Erdbebenwarte Hohenheim, 1905.

Abb.13:
Eine der ersten Aufzeichnungen des Hohenheimer Seismographen: ein Beben in
Kalabrien am 8.9.1905, das 537 Todesopfer forderte. In Hohenheim bewegte sich der
Boden noch um einen Zentimeter.
Aus der gleichen Zeit (1902) stammt
das guterhaltene Vertikalpendel von Cancani im Vesuvobservatorium (Abb. 14).
Man erkennt die Hebel, mit denen die Bewegung der Masse vergrößert auf die
Schreibnadel übertragen wird, und ganz rechts unten Reste eines Öldämpfers. Die
Rußregistrierung (Abb.15) zeigt ein Erdbeben und eine große Zahl vulkanischer
Schocks, deren Entstehungsweise bis heute nicht geklärt ist, obwohl man sie an
vielen aktiven Vulkanen beobachtet.

Abb.14: Der Vertikalseismograph von
Cancani im Vesuvobservatorium, 1902.

Abb.15: Eine Originalregistrierung des
Cancani- Seismographen.
Das größte Problem aller
mechanischen Seismographen war die Reibung der Schreibnadel auf dem Papier. Um
sie zu überwinden, musste man bei steigender Vergrößerung immer größere Massen
verwenden. Der Nachfolger des Omori- Bosch- Seismographen, das 1913
aufgestellte Kegelpendel nach Mainka, hatte bei 200facher Vergrößerung bereits
eine Masse von 450 kg. Dessen 1937 installierter Nachfolger vom Wiechertschen
Typ brachte es dann mit einer Masse von 17 Tonnen auf eine Vergrößerung von
1200. Danach starb diese Entwicklungslinie aus - auch unter den Seismographen
gab es Dinosaurier.
Bei Vertikalseismographen, deren
Masse ja an einer Feder aufgehängt werden muss, hatte man damals ständig mit
der Temperaturempfindlichkeit des Federstahls zu kämpfen. Schon bei geringen
Temperaturerhöhungen ließ die Federkraft nach, die Masse senkte sich, die
Schreibnadel wanderte aus ihrer Mittellage aus und die Registrierspuren liefen
durcheinander. Der Göttinger Seismologe Emil Wiechert konstruierte um 1910 den
ersten einigermaßen temperaturstabilen Vertikalseismographen, bei dem sich die
Feder auf Zinkstäbe abstützte, durch deren Wärmeausdehnung sie nachgespannt
wurde. Seine Seismographen wurden weltweiter Standard. Abb.16 zeigt einen
kurzperiodischen Dreikomponenten- Seismographen von Wiechert und Mintrop (dem
Begründer der seismischen Lagerstättenerkundung), der durch Hebelübersetzungen
und Lichtzeiger die Bodenbewegung bis zu 16000fach vergrößern konnte.

Abb. 16: Drei kurzperiodische Seismometer
von Wiechert und Mintrop auf einer gemeinsamen Basis.
Der wohl raffinierteste und
leistungsfähigste mechanische Seismograph, der je gebaut wurde, war der „Universalseismograph“,
den A. de Quervain und Auguste Piccard (der bekannte Stratosphärenforscher)
1922 in der eigens dafür gebauten Zürcher Erdbebenwarte aufstellten (Abb.17).
Eine Masse von 21 Tonnen war in allen drei Raumrichtungen beweglich an
Schraubenfedern aufgehängt. Ihre Ausschläge wurden im Schwerpunkt abgegriffen
und für jede Bewegungsrichtung (Nord-Süd, Ost-West und vertikal) über eine
dreifache Hebelübersetzung zweitausendmal vergrößert. Die Mechanik war so
präzise und spielfrei gearbeitet, dass noch Bodenbewegungen von einem
zehntausendstel Millimeter erkennbar waren. Schon damals machte den Erbauern
die ständig zunehmende Bodenunruhe zu schaffen.

Abb.17: Der große Zürcher
„Universalseismograph“.
Besonders elegant und
zukunftsweisend war das Problem der Temperaturempfindlichkeit gelöst, nämlich
mit einer automatischen Regeleinrichtung. Je nach der Lage der vertikalen
Schreibnadel wurde mit einer elektrischen Steuerung jede Minute eine kleine
Menge Wasser vorsichtig in einen auf der Masse stehenden Behälter eingeleitet
oder aus ihm entnommen. Insgesamt konnten über 80 kg Wasser eingebracht werden;
so viel war nötig, um die Änderung der Federkraft zwischen Sommer und Winter
auszugleichen. Jedes moderne Seismometer besitzt eine solche Lageregelung, natürlich
nicht mit Wasseranschluss, sondern mit einem elektronisch gesteuerten
Kraftgeber.
Ein skurriles Detail soll noch
erwähnt werden: die Herkunft der seismischen Masse. Sie bestand aus rund 800
Stahlklötzen, die das Schweizer Militär ursprünglich zur Herstellung von
Granaten beschafft hatte. Das Material wurde den Wissenschaftlern leihweise
überlassen mit der Auflage, es im Kriegsfall binnen 48 Stunden
zurückzuerstatten - im Jahr 1922 doch eine bemerkenswerte Vorsichtsmaßnahme.
Mit der lateinischen Inschrift „Et conflabunt gladios in vomeres“ (Und sie
werden Schwerter zu Pflugscharen schmieden), die in der Abbildung zu sehen ist,
weihten De Quervain und Piccard die Eisenmasse der Wissenschaft. Sie wurde nie
zurückverlangt.
Einer der prominentesten
Seismologen zu Beginn dieses Jahrhunderts war der russische Fürst Galitzin,
dessen ausgezeichnete „Vorlesungen über Seismometrie“ 1912 in russischer und
deutscher Sprache gedruckt wurden. Er erfand 1904 den elektrodynamischen Seismographen
(Abb.18), der sich zunächst nicht gegen die mechanischen Seismographen
durchsetzen konnte, dann aber nach einigen Verbesserungen zum vorherrschenden
Seismographentyp wurde und diese Stellung bis etwa 1970 behauptete.

Abb.18:
Galitzins elektrodynamisches Seismometer (1904), eine für die damalige Zeit
geniale Konstruktion, von der einige heute noch gebrauchte Seismometer
abstammen. Ganz links die Hufeisenmagnete des elektrodynamischen Wandlers.
In Galitzins Seismograph ist die
seismische Masse mit einem elektrodynamischen Wandler verbunden, wie wir ihn
oben beschrieben haben. Bei einer Bewegung gibt der Wandler ein elektrisches
Signal ab, das mit einem Spiegelgalvanometer (einem empfindlichen
Strom-Messgerät mit Lichtzeiger) photographisch registriert wird. Die
Nadelreibung, der größte Feind des mechanischen Seismographen, wird dadurch
eliminiert. Der Wandler ist nur für die Bewegung der Masse empfindlich, nicht
für deren Lage; daher spielt die Temperatur eine viel geringere Rolle als beim
mechanischen Seismographen. Allerdings hing aufgrund der Federgeometrie die
Messempfindlichkeit noch von der Lage der Masse und somit von der Temperatur
ab, ein Problem, das erst nach 1930 durch LaCostes Erfindung und die
Entwicklung temperatur-unempfindlicher Federlegierungen gelöst wurde.
Obwohl das elektrische
Ausgangssignal des Seismometers zu Galitzins Zeit nicht elektronisch verstärkt
werden konnte, eröffnete das elektrodynamische Messprinzip erstmals die
Möglichkeit, mit einer relativ kleinen seismischen Masse (10 bis 20 kg) eine
hohe Vergrößerung zu erzielen. Später konnte man anstelle des
Lichtzeigergalvanometers auch andere Registriereinrichtungen an ein
elektrodynamisches Seismometer anschließen und die Seismometer noch kleiner
machen. Wenn es aber auf höchste Empfindlichkeit ankam, blieb das Galvanometer
bis weit ins elektronische Zeitalter hinein unersetzlich. Galvanometer sind im
physikalischen Sinn fast ideale (rauschfreie und lineare) Messgeräte für
kleinste elektrische Signale. Mit ihnen konnten elektronische Verstärker wegen
ihres Funkelrauschens und ihrer nichtlinearen Verzerrungen lange Zeit nicht
konkurrieren.
Was wir bisher als Wirkungsweise
eines Seismometers geschildert haben, läuft darauf hinaus, dass die Bodenbewegung
zunächst in eine Relativbewegung zwischen der seismischen Masse und dem Gestell
des Seismographen umgesetzt und diese Bewegung dann gemessen wird. Ein genaues
Abbild der Bodenbewegung werden wir nur dann erhalten, wenn beide Schritte
entsprechend genau sind. Nun haben wir oben schon erwähnt, dass sich die beiden
Forderungen widersprechen: es ist außerordentlich schwierig, die Rückstellkraft
gleichzeitig sehr klein und ausreichend stabil zu machen.
Dass man das Dilemma durch die
Einführung einer starken, elektromagnetisch erzeugten Rückstellkraft vollkommen
auflösen kann, ist zunächst überraschend. Der Grundgedanke dabei ist, anstatt
der Verschiebung die Trägheitskraft der seismischen Masse zu messen, die dann
entsteht, wenn die Masse mit der Bodenbewegung mitgeführt wird. Zwar kann man
keine Kraft messen, ohne auch eine Verschiebung zuzulassen; aber die
Verschiebung kann im Prinzip beliebig klein gehalten werden. Genau zu verstehen
ist das neue Messprinzip nur anhand einiger Formeln, die wir aber dem Leser
nicht zumuten wollen. Für eine anschauliche Erklärung erlauben wir uns ein
Gedankenexperiment mit dem großen Zürcher Seismographen:
Wir stellen uns vor, wir könnten
die automatische Lageregelung so einrichten, dass sie nicht jede Minute einmal,
sondern kontinuierlich die Lage der Schreibnadel prüft und die seismische Masse
durch eine passende Wasserzugabe wieder in ihre Mittellage bringt. Die Nadel
würde dann überhaupt nicht mehr nennenswert ausschlagen und die Masse müsste
sich exakt mit dem Boden mitbewegen. Dazu muss die Regelung eine Antriebskraft
liefern, die genau der Bodenbeschleunigung entspricht; das Gewicht der
Wassermenge im Ausgleichsbehälter wird sich also ständig der
Bodenbeschleunigung anpassen. Um das seismische Signal zu sehen, müssten wir
anstelle des Nadelausschlags den Wasserstand im Ausgleichsbehälter
registrieren.
Überlegen wir uns nun, welche
Eigenschaften der so modifizierte Seismograph hat. Er ist in einigen Punkten
wesentlich verbessert:
1 - Er kann theoretisch beliebig
starke Signale messen, wenn nur genug Wasser da ist. Jedenfalls ist er nicht
mehr durch den mechanischen Bewegungsspielraum der Nadel begrenzt, die ja jetzt
nur noch so weit ausschlägt, wie nötig ist, um den Regelmechanismus zu
aktivieren.
2 - Auf Feinheiten der mechanischen
Konstruktion kommt es überhaupt nicht mehr an. Die Wassermenge im
Ausgleichsbehälter entspricht, wie schon gesagt, immer der momentanen
Bodenbeschleunigung. Ob die Hebelübersetzung 1000mal oder 2000mal vergrößert
oder vielleicht gar keine konstante Vergrößerung hat, ist für das Messresultat
ziemlich belanglos.
3 - Die Nachweisempfindlichkeit für
kleine Bodenbewegungen ist trotz des größeren Messbereichs noch dieselbe wie
vorher. Eine Bodenbewegung, die vor der Modifikation einen messbaren Nadelausschlag
erzeugt hätte, wird jetzt durch eine Änderung der Wassermenge ausgeregelt. Wir
werden also jedes Signal, das vorher auf dem Papier sichtbar war, im
Wasserstand wiederfinden. Da wir diesen elektrisch steuern, können wir anstelle
des Wasserstandes auch einfach das Steuersignal aufzeichnen. Man könnte sogar im
Prinzip auch die Wassertropfen zählen und hätte dann einen Seismographen mit
digitalem Ausgangssignal!
Natürlich haben wir bei diesem Gedankenexperiment einige
technische Schwierigkeiten ignoriert und es ist viel einfacher, das ganze
Regelsystem aus elektrisch statt hydraulisch aufzubauen. Wir reduzieren also
zunächst die seismische Masse auf einige zehn oder hundert Gramm, ersetzen den
Schreibzeiger samt Hebelübersetzung durch einen berührungsfreien elektronischen
Wegmesser und den Wasserbehälter durch einen elektrodynamischen Wandler, mit
dem man ja auch (wie beim Lautsprecher) einen elektrischen Strom in eine Kraft
umsetzen kann. Der Regelkreis stellt dann den Spulenstrom so ein, dass er der
Beschleunigung des ganzen Geräts proportional ist. Solche Systeme (mit einer
seismischen Masse von wenigen Gramm) heißen Akzelerometer und werden zum
Beispiel zur Trägheitsnavigation und als technische Erschütterungsmesser
verwendet.
Für eine empfindliche seismische
Registrierung sind Akzelerometer weniger geeignet. Man müsste dazu ihre
Empfindlichkeit noch um fünf Größenordnungen erhöhen, dann würden sie aber zu
leicht durch starke Erdbeben oder technische Erschütterungen übersteuert.
Abhilfe ist aber schnell zur Hand: anstatt den Strom, der den Kraftgeber
steuert, direkt aufzuzeichnen, lassen wir ihn zunächst einen elektrischen
Kondensator aufladen. Die entstehende Spannung ist dann der Geschwindigkeit der
Bodenbewegung proportional (also bei hohen Frequenzen relativ kleiner) und
lässt sich sehr viel leichter weiterverarbeiten als der Strom. Auf diese Weise
erhalten wir einen Breitbandseismographen, der weitgehend immun gegen
Übersteuerung ist. Obwohl weltweit viele hundert solcher Seismographen in
Betrieb sind, kommt es äußerst selten vor, dass eines der Geräte ein starkes
Erdbeben nicht - im eigentlichen Wortsinn – „verkraftet“.
Abb.19 zeigt den mechanischen Teil
eines vom Verfasser zusammen mit G. Streckeisen 1976 an der ETH Zürich
entwickelten Breitband- Vertikalseismometers. Im Vergleich zu einem
mechanischen Seismographen (etwa aus Abb. 16) mutet das Pendel geradezu
primitiv an, und man hätte es, abgesehen vom Federmaterial, wohl auch schon vor
hundert Jahren herstellen können. Tatsächlich werden heute an die Mechanik
geringere Anforderungen gestellt als früher; gerade darin drückt sich die
technische Überlegenheit des elektronischen Regelsystems aus. Wesentlich
aufwendiger geworden ist dagegen die Abschirmung des Sensors gegen
Temperaturschwankungen, Luftdruck und Magnetfelder. Dafür kann das moderne
Gerät dann auch zehntausendmal kleinere Signale wahrnehmen als der Zürcher
21-Tonnen-Seismograph.

Abb.19:
Das Zürcher Blattfederseismometer, eine kompaktere Version des in Abb.5
skizzierten Blattfederpendels. Die beiden schwarzen Klötze links vorn und
hinten sind die seismische Masse, dazwischen die gebogene Blattfeder. Oben sind
in Bohrungen zwei Tauchspulsysteme für die Kraftrückführung und der
berührungsfreie Wegaufnehmer untergebracht. Unter der Feder verborgen ist ein
fernbedienbares Tariergewicht.
Das Resultat aller Bemühungen in
der Seismographenkonstruktion, das Seismogramm, ist bisher etwas zu kurz
gekommen. Abb. 20 zeigt das in Zürich mit dem Prototyp des Blattfederseismometers
aufgenommene Seismogramm eines kalifornischen Erdbebens. Es ist ein
langperiodisch gefiltertes Seismogramm, enthält nur langsame Schwingungen von
mindestens 30 Sekunden Dauer und ist dadurch einigermaßen übersichtlich. Die
Marke H in der Mitte des oberen Bildteils bezeichnet die Herdzeit, also den
zeitlichen Ursprung der Erdbebenwellen. Der Seismograph in Zürich reagiert erst
13 Minuten später mit einem kleinen Ausschlag (P); so lange brauchen die
schnellsten, longitudinalen Erdbebenwellen für ihren Weg durch den Erdmantel,
in den sie etwa 2500 km tief eindringen. Etwas später (PP) kommen Wellen, die
nicht so steil abgetaucht und auf halbem Weg an der Erdoberfläche wieder nach
unten reflektiert worden sind. Dann wird es etwas ruhiger, bis die transversalen
S- Wellen eintreffen, deren Geschwindigkeit im Erdmantel etwa 58% von
derjenigen der P-Wellen beträgt. Auch von dieser Wellenart gibt es Nachzügler,
die an der Erdoberfläche reflektiert worden sind. Alle bisher besprochenen
Wellenarten erreichen das Seismometer von unten aus dem Erdmantel, es sind
Raumwellen.


Abb.20: In Zürich aufgenommenes
Seismogramm eines kalifornischen Erdbebens (26.11.1976). H: Herdzeit, P bis SS:
Raumwelleneinsätze, R1 bis R6: Oberflächenwellen. Abstand der Zeitmarken: 10
Minuten. Die beiden Bildhälften stellen Teile desselben endlosen
Registrierbogens dar. Der Abschnitt mit SS und R4 ist überlappend abgebildet.
Die Spuren sind wie Druckzeilen von links nach rechts und von oben nach unten
zu lesen.
Im folgenden Teil des Seismogramms
dominieren die Oberflächenwellen, die sich ähnlich wie Wellen auf dem Wasser
entlang der Erdoberfläche ausbreiten. R1 bezeichnet die nach Lord Rayleigh
benannte Oberflächenwelle, die sichtbar dispergiert ist (die längeren Wellen
kommen früher an als die kürzeren). An die Rayleighwelle schließt sich die
sogenannte Coda an, die aus gestreuten Oberflächenwellen besteht.
Selbstverständlich setzen die Oberflächenwellen, nachdem der Seismograph sie
registriert hat, ihre Reise um die Erde fort. Nach drei Stunden kommt der
Wellenzug R1, der nun R3 heißt, stark gedämpft ein zweites Mal am Seismographen
vorbei; in der Originalregistrierung ist noch ein weiterer Durchgang R5
sichtbar. Dazwischen erkennt man die Wellenzüge R2 und R4 und andeutungsweise
R6, die Erde in entgegengesetzter Richtung umrundet haben. Das alles ist aber
nur ein kleiner Teil der Signale, die von einem Erdbeben angeregt werden. Nach
starken Beben schwingt die Erde etwa eine Woche lang wie eine angeschlagene
Glocke, bis die Ausschläge unter die Nachweisgrenze abgeklungen sind.
In jedem Seismogramm steckt
vielfältige Information sowohl über den Bebenherd als auch über die Struktur
des ganzen Erdkörpers. Nur ein ganz kleiner Teil davon ist in dieser stark
geglätteten Abspielung zu sehen. Es ist aber derjenige Teil, den wir mit
unseren gegenwärtigen Kenntnissen vom Aufbau des Erdkörpers einigermaßen
verstehen können. Seismogramme wie das hier gezeigte können wir, bis auf die
Coda, mit einem Computermodell des Erdkörpers Schwingung für Schwingung
nachrechnen. Die Übereinstimmung ist nicht perfekt, aber doch so gut, dass man
sicher sein kann, nicht mehr allzuweit vom „richtigen“ Erdmodell entfernt zu
sein. In einem kurzperiodischen Seismogramm sind dagegen normalerweise nur die
kurzen Zeitabschnitte, in denen der Einsatz einer Raumwelle sichtbar ist,
quantitativ modellierbar; die übrige im Seismogramm enthaltene Information
verstehen wir noch nicht zu lesen.
Der Versand von
Originalseismogrammen an auswärtige Kollegen war früher eine lästige
Ehrenpflicht (noch lästiger war es, die ausgeliehenen Registrierbögen von
vergesslichen Kollegen zurückzufordern). Der Trockenkopierer hat zwar dieses
Problem entschärft, aber erst die Digitaltechnik ermöglicht es, Daten ohne
Qualitätsverlust zu kopieren und fast ohne Arbeitsaufwand auszutauschen.
Seismologen haben schon lange vor dem Internet die sich entwickelnden
Kommunikationsmöglichkeiten genutzt. Weltweit können viele der neueren
Seismographenstationen von jedem fachkundigen Benutzer direkt über ein
Datennetz angewählt und abgefragt werden. Auch die Computer der seismologischen
Datenzentren übermitteln archivierte Daten auf eine standardisierte Anfrage hin
ohne Mitwirkung eines Operateurs. Nur wenn es sich um sehr große Datenmengen
handelt, muss noch ein Band oder eine Compact-Disc bespielt und per Post
verschickt werden. Der automatisierte, schnelle Zugriff auf aktuelle Daten wird
auch bei der seismologischen Überwachung eines Atomwaffen-Teststoppabkommens
eine wichtige Rolle spielen, da er kaum die Möglichkeit zu Manipulationen
lässt.
Immer wieder taucht der Wunsch auf,
Schulen oder interessierten Laien den Betrieb eines Seismographen zu
ermöglichen. Angesichts der geringen Erdbebentätigkeit in unserem eigenen Land
ist vor allem die Aufzeichnung von Fernbeben interessant. Das größte Hindernis
ist dabei nicht etwa der Bau eines genügend empfindlichen Seismometers, sondern
die Aufzeichnung. Wenn man nicht über einen speziellen Erdbebenschreiber
verfügt, der die Signale auf ein umlaufendes Band aus gewöhnlichem Papier
schreibt, dann wird die Dauerregistrierung schnell zu kostspielig.
Als Alternative bietet sich jetzt
die digitale Datenerfassung mit einem Tischrechner (PC) an. Die nötigen Analog-
Digital- Wandlerzusätze sind preiswert zu haben, allerdings kommt auf den
zukünftigen Hobbyseismologen vorerst noch einige Programmierarbeit zu, bevor er
sein erstes Seismogramm auf dem Bildschirm sieht. Aber auch an einer geeigneten
Public- Domain- Software wird zumindest in den USA gearbeitet. Dort besteht der
Plan, eine große Anzahl von Schulen mit einfachen Seismographen auszustatten,
die einerseits dem Unterricht dienen, andererseits auch das Netz der
bestehenden Seismographenstationen wesentlich verdichten sollen.
Dass der Selbstbau eines richtigen
Seismographen kein Hexenwerk ist, haben kürzlich Schüler eines Physik-
Leistungskurses am St. Michaels- Gymnasium in Monschau gezeigt. Für den Bau
einer kompletten digitalen Seismographenstation mit Fernabfrage erhielten sie
1996 im Bundeswettbewerb „Jugend forscht“ den zweiten Preis (Abb.21). Die
Konstruktionszeichnung ihres langperiodischen Horizontalseismometers ist in
Abb.22 wiedergegeben. Das Ausgangssignal wird elektronisch verstärkt,
tiefpassgefiltert, mit einer käuflichen AD-Wandlereinheit digitalisiert und in
einem älteren PC gespeichert, alles mit preiswert erhältlichen oder schon
vorhanden gewesenen Bauteilen. Der selbstgebaute Seismograph ist in seiner
Leistung mit den bis vor 20 Jahren weltweit eingesetzten Standardseismographen
vergleichbar, also durchaus für wissenschaftliche Untersuchungen geeignet.
Solche Schulseismographen könnten, wenn sie in größerer Zahl und in
einheitlicher technischer Ausstattung vorhanden wären, auch das in Deutschland
bestehende Seismographennetz in sehr nützlicher Weise ergänzen.

Abb.21: Ein stolzes Schülertrio mit seinem
selbstgebauten Seismometer.

Abb.22:
Konstruktionszeichnung des Schulseismometers. Die seitlichen Diagonalstreben
sind weggelassen. Die Pendelstange ist hinten an drei kurzen Stahldrähten
befestigt, die zusammen wie ein Kugelgelenk wirken. Die Masse wurde aus Zement
gegossen und hängt an zwei schrägen,
oberhalb des Gelenks zusammenlaufenden Drähten. Eine flache Kupferdrahtspule im
Feld eines Magneten setzt die Pendelbewegung in ein elektrisches Signal um. Das
Gestell ist aus Aluminiumprofilen zusammengeschraubt; das Pendel könnte aber
auch ohne Gestell direkt an einer soliden Kellerwand befestigt werden. Zum
Schutz vor Temperaturschwankungen und Luftzug wird es mit einer genau passenden
Styroporverkleidung abgedeckt.
Der
Autor:Erhard
Wielandt, Jahrgang 1940. Studierte Physik in Tübingen und Berlin. Diplom in
Theoretischer Physik 1964. Arbeitete danach vier Jahre lang in einer kleinen
Elektronikfirma in Tübingen, die geophysikalische Messgeräte herstellte. Ging
1968 an das Geophysikalische Institut der Universität Karlsruhe, wo er 1972
promovierte. War von 1972 bis 1988 wissenschaftlicher Angestellter am Institut
für Geophysik der ETH Zürich und wurde dann auf den Lehrstuhl für Geophysik an
der Universität Stuttgart berufen. Arbeitsgebiete: Seismometerkonstruktion,
Probleme der Wellenausbreitung und der Signalverarbeitung.